Die STIEFEL-Methode
Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Beispiel und Musterschablone zum Download!
Die Forschungsfrage ist die Basis für deine wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Beantwortung der Forschungsfrage ist das Ziel deiner Arbeit.
Die von mir entwickelte STIEFEL-Methode hilft dir, in wenigen Schritten eine Forschungsfrage nach einem vorgegebenen Schema zu formulieren. Dieses eignet sich sowohl für ein vorgegebenes Thema, als auch für die Entwicklung der Forschungsfrage nach deinen Interessen. Damit bietet das STIEFEL-Schema erstmals eine vollständige Anleitung zur Entwicklung einer Forschungsfrage. Du wirst von vielen allgemeinen Methoden zur Ideenfindung, wie dem Brainstorming, gehört haben. Hier erhältst du eine komplette Schritt-für-Schritt-Anleitung.
Geh diese Schritte durch, schau dir das Beispiel an und lade dir die STIEFEL-Schablone herunter!
1 | Schema der 5W-Fragen anwenden
Bilde zuerst eine Eingangsthese. Sollte dein Thema bzw. der Titel deiner Arbeit vorgegeben sein, liegt es auf der Hand, dass du eine Eingangsthese bildest, die mit deinem Thema korreliert und dem Themenbereich entspricht, in dem du deine Arbeit schreibst. Mindestens ein Substantiv sollte zu deinem anvisierten Thema passen. Sollte dein Dozent Bearbeitungsschwerpunkte geäußert haben, kannst du diese einbinden, indem wichtige Aspekte in der Eingangsthese stehen. Vermeide hier das Wort „ich“.
Du kannst einen Forschungsgegenstand oder eine Perspektive festlegen, indem du eine Person oder Personengruppe in deine Eingangsthese einbindest. Eingangsthesen wie „Die Schule ist ein großes Haus“ sind zwar banal. Dennoch können hier interessante Arbeiten entstehen, beispielsweise im Bereich der Organisations- oder Institutionsentwicklung. Bedenke, dass solche Arbeiten in aller Regel äußerst theorielastig sind und nicht in jedem Studiengang bzw. von jedem Dozenten gerne gesehen werden.
Das 5W-Schema ist eine Problemlösetechnik, weil du dich durch fünfmaliges Nachfragen mit „Warum?“ mit dem Sachverhalt aktiv auseinandersetzt [1]. Sicher lässt sich dieses Spielchen unendlich fortführen, doch fünf Antworten sollten genügen, damit sich eine Idee herauskristallisiert. Du kannst die Fragen bzw. Antworten gemeinsam mit Freunden oder Kommilitonen durchgehen und gemeinsam die Forschungsfrage formulieren.
Deine fünf Antworten können alltagssprachlich formuliert, sollten inhaltlich aber korrekt sein. Verzichte auch hier auf die Ich-Form. Halte deine Antworten auf jeden Fall schriftlich fest.
Angenommen, du möchtest „irgendwas mit Schule“ in deiner anstehenden Bachelorarbeit machen. Beschreibe mit einem Eingangssatz einen Sachverhalt oder ein Problem so treffend wie möglich.
2 | Themenbereiche recherchieren
Versehe deine Antworten in einem nächsten Schritt mit Wissenschaftsdisziplinen, sofern möglich auch mit entsprechenden Fachbegriffen, aus denen die Antwort stammt. Diese sind deine Themenbereiche. Manchmal passen mehrere Begriffe, die völlig verschieden sein können. So lassen sich der dritten Antwort die Themenbereiche „Psychologie“, „Pädagogik“ oder „Soziologie“ zuordnen. Schreibe alle Themenbereiche auf, auch wenn nicht jeder Themenbereich für deine spezifische Bearbeitung geeignet erscheint. Da eine Zuordnung in einen Themenbereich nicht immer trennscharf gelingt, weil die Sachverhalte interdisziplinärer Natur sind, solltest du die Themenbereiche notieren, die am besten zum Wunschthema passen.
Es ist üblich und beabsichtigt, dass sich nach mehrmaligem Warum die Themenbereiche immer weiter von der Eingangsthese entfernen. Da du immer tiefer in einen Sachverhalt einsteigst, nimmt die Anzahl der Themenbereiche in der Regel zu.
Je besser du recherchierst, desto mehr Themenbereiche kannst du festlegen. Auch ist die fachliche Benennung eines Themenbereichs vom Grad deiner Einarbeitung abhängig. Spätestens hier solltest du Google zur Hilfe nehmen, du kannst auch ChatGPT nutzen oder in Fachliteratur in Form von Büchern oder PDFs nachlesen. Zu deiner Übersicht kannst du zusätzlich Themenbereiche farblich markieren (z.B. mit Textmarker), die dich interessieren.
Die aktive fachliche Auseinandersetzung mit deinen fünf Antworten ist ein Kernelement der Themenfindung. Dein Wissen durch deine Einarbeitung ist der wichtigste Sockel des wissenschaftlichen Arbeitens in Studienarbeiten. Dass du von vornherein fachlich informiert bist und aus vielen Themenbereichen wählen kannst, ist bei der Themenfindung fundamental. Denn du möchtest sicher nicht die „Katze im Sack kaufen“, also eine Ausarbeitung verfassen müssen, bei der du erst während der Bearbeitung merkst, dass dir das Thema nicht gefällt.
3 | Identifizieren möglicher Themen
Du bist bereits sehr weit gekommen. Nimm nun ein zentrales Substantiv aus deiner Eingangsthese und schreibe es auf. Suche nun ein oder mehrere Themen aus den Themenbereichen rechts, die gut zu deiner Eingangsthese passen und die dich interessieren. Reihe diese aneinander.
4 | Erweiterte Literaturrecherche
Jetzt geht es darum, weitere Informationen zu sammeln, die deine Begriffe näher beschreiben. Eventuell bist du schon eingearbeitet und diese Tiefenrecherche kann entfallen. Du solltest dir vergegenwärtigen, dass die nun zu findende Literatur Teil deiner Basisliteratur für deine Arbeit darstellt, auf die du ggf. ganze Kapitel stützen kannst. Bereits im Exposé kannst du diese Literatur angeben und zeigen, wie tief du eingearbeitet bist.
Vielleicht hast du entsprechende Fachtexte gefunden (hier: zum Thema „Lernprozesse“), was umso besser ist. Konkretisierende Begriffe (hier: „nachhaltige Lernprozesse“) solltest du ergänzend in die Themenbereiche eintragen. Es kommen also neue Begriffe hinzu. Bei der Einarbeitung wirst du eventuell Sympathien für gewisse Sachverhalte entwickeln. Markiere diese Begriffe ebenfalls (z.B. mit Textmarker).
Vielleicht stellst du jetzt fest, dass es sich besser eignet, statt einer Person aus der Eingangsthese, ein Phänomen zu thematisieren. So kann thematisch beispielsweise aus dem Obdachlosen (Eingangsthese: „Am Bahnhof sind viele Obdachlose“) die Obdachlosigkeit werden.
5 | Fragebaustein erarbeiten
Kombiniere nun die Themen miteinander und bilde Fragen. Beginne mit einem Fragewort. Beachte dabei, dass wissenschaftliches Arbeiten immer bedeutet, exakt zu formulieren. Präzisiere deshalb dein Fragewort und zieh ggf. Inhalte hinzu, die du aus der Fachliteratur kennst. Dieser Schritt ist äußerst wichtig zur weiteren thematischen Eingrenzung. Fragewörter wie „inwiefern“, „inwieweit“ oder „wie“ sind deshalb eher ungeeignet. Empfehlenswert ist hier Zählbares, wie „Welche Maßnahmen…“, „Welche Auswirkungen…“, „Welche Methoden…“, etc. Beachte dringend, dass es zur Präzisierung oft ergänzender Adjektive oder vorangestellter Substantive bedarf (z.B. „wirtschaftliche Auswirkungen“, „Unterrichtsmethoden“ etc.). Nur dann kannst du im Diskussionsteil konkrete Aspekte diskutieren und, sofern anvisiert, darauf passgenaue Handlungsempfehlungen aussprechen. Oft bieten deine herausgearbeiteten Themenbereiche hilfreiche Ansatzpunkte. Deshalb erarbeitest du einen Fragebaustein.
In hiesigem Beispiel sind „Unterrichtsmethoden“ eine sinnvolle und zählbare Einheit. Dies solltest du bereits in Schritt 2 bzw. 4 recherchiert haben. Schreibe diesen Baustein vor dein bisher Erarbeitetes.
6 | Ergänzungsoperatoren hinzufügen
Nun soll eine grammatikalisch korrekte und zielführende Frage entstehen. Nutze ein oder mehrere Verben, um die beiden Themenbereiche miteinander zu verknüpfen. Idealerweise sollten diese Verben eine inhaltliche, logische Verbindung zwischen den beiden Themenbereichen herstellen und deine Bearbeitungsrichtung fokussieren. Es kann hilfreich sein, wenn du dir zur Orientierung noch einmal die Bearbeitungsperspektive (hier: Lehrer) vergegenwärtigst. Vermeide Fragen, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind.
Dieser Schritt ist anspruchsvoll, zumal es oft mehrere Möglichkeiten gibt. Entscheide dich bei den Verben für treffende Operatoren. Ein Operator ist im konkreten Fall ein sprachliches Gebilde, das die Inhalte zielführend miteinander verknüpft (z.B. „Welche Unterrichtsmethoden, die von dem Lehrer eingesetzt werden, führen zu nachhaltigen Lernprozessen?“ oder „Durch welche Unterrichtsmethoden setzt der Lehrer nachhaltige Lernprozesse in Gang?“). Beachte inhaltlich, dass eine Fragestellung keine Unterstellung beinhalten darf.
Durch Fragewörter und Verben sollte nun eine grammatikalisch korrekte Fragestellung vorliegen. Es dürfte deutlich geworden sein, dass es schier unendlich viele Möglichkeiten gibt und viel Tüftelarbeit notwendig ist, um die Forschungsfrage korrekt zu formulieren. In aller Regel lassen sich Präpositionen miteinander verschmelzen, ohne dass der Sinn verloren geht (z.B. von dem = vom, zu der = zur, etc.).
Falls du mehrere Begriffe aus den Themenbereichen einbringen möchtest, sind frageinterne Operatoren empfehlenswert, die den Sachverhalt konkretisieren. Diese sind Präpositionen bzw. nehmen deren Funktion ein. Nutze sie, um Sachverhalte zueinander in Beziehung zu setzen.
Beispiele sind:
- im Hinblick/Rückgriff auf
- unter Berücksichtigung von
- aufgrund
- wegen
- (dies-)bezüglich
- angesichts
- betreffend
- in puncto
- im Falle von/eines …
- in Anbetracht der/des…
- vor dem Hintergrund der/des…
- …
Womöglich sind weitere Eingrenzungen vonnöten. Beispielsweise werden in der Geschichtswissenschaft oft Zeiträume angegeben, darüber hinaus kann ein Ort oder eine Menge vorgegeben sein. Dies sollte ergänzt werden (z.B. „Welche Unterrichtsmethoden, die von dem Lehrer eingesetzt werden, führen zu nachhaltigen Lernprozessen in der Klasse 10b in Beispielstadt?“).
7 | Logik-Check
Vielleicht hast du lange an einem Begriff herumgekauert oder bist müde geworden. Dann besteht die Gefahr der Betriebsblindheit. Das heißt, dass du etwaige Mängel nicht mehr wahrnimmst oder offenkundige Möglichkeiten übersiehst. Deshalb solltest du deine Forschungsfrage nicht hektisch erstellen. Bei einer Überprüfung, vielleicht einen Tag später, stellst du eventuell fest, dass das Fragewort weiter konkretisiert werden kann (z.B. „Herausforderung“ statt „Aspekt“ etc.) oder dass ein eleganteres Verb angebrachter wäre (z.B. „initiieren“ statt „machen“ etc.).
Empfehlenswert sind genderneutrale Formulierungen (z.B. „die Lehrkraft“ statt „der Lehrer“). Oft können zudem allgemeine Sachverhalte im Plural beschrieben werden (z.B. „die Lehrkräfte“ statt „die Lehrkraft“). Gelegentlich können Artikel weggelassen werden (z.B. eine Motivation = Motivation). Nutze diese Checkliste zur Logikkontrolle:
- Ist deine Forschungsfrage grammatikalisch korrekt?
- Beinhaltet deine Forschungsfrage keine Unterstellung und ist keine Ja-/Nein-Frage?
- Ist deine Forschungsfrage (gender-)neutral formuliert?
- Ist der Fragebaustein inhaltlich passend?
- Ist der Operator zielführend und passen frageinterne Operatoren?
- Sind alle gewünschten Elemente enthalten?
- Ist der Gesamtfrageinhalt schlüssig und konkret?
- Wird das Thema durch deine erarbeitete Forschungsfrage eingegrenzt?
- Passt deine Forschungsfrage zum Fachbereich, in der du die Arbeit einreichen wirst?
- Ist deine Forschungsfrage zielführend zu einem eventuell vorgegebenen Titel der Arbeit?
- Berücksichtigt deine Forschungsfrage etwaige Dozentenwünsche?
- Ist der Bearbeitungsumfang angemessen (Seitenzahl und Bearbeitungszeit)?
Im vorliegenden Beispiel wurde klar, dass im schulischen Setting ausschließlich Lehrkräfte Unterrichtsmethoden einsetzen. Demnach kann das Element in der Forschungsfrage entfernt werden. Dies solltest du im entsprechenden Kapitel erwähnen, denn die Forschungsfrage wird in deiner Bachelorarbeit inhaltlich hergeleitet.
Herzlichen Glückwunsch, deine bearbeitbare Fragestellung ist nun fertig!
Abschließend soll unterstrichen werden, dass dieses STIEFEL-Schema eine idealtypische Vorgehensweise darstellt. Die tatsächliche Qualität der Frage hängt maßgeblich von der Benennung der Themenbereiche ab sowie von der Tiefe deiner Einarbeitung. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fachinhalten bleibt niemandem erspart. Meine für dich entwickelte STIEFEL-Methode sollte jedoch eine grundsolide Anleitung sein.
Ich wünsche dir viel Erfolg im Studium, lade dir die STIEFEL-Schablone herunter und kontaktiere mich bei Fragen gerne. Das Erstgespräch ist gratis!
Das Akronym STIEFEL passt aufgrund des Aussehens und der Eigenschaften eines Stiefels: Die 5W-Fragen sind als Sohle ein breites, aber dehnbares Fundament. Die Recherche der Themenbereiche, und damit die fachliche Einarbeitung als inhaltlicher Aufbau, gleicht dem Stiefelabsatz, der solide und belastbar sein muss. Bei der Identifikation möglicher Themen wird eine Selektion getroffen, der Stiefel erfährt eine Verjüngung. Die ergänzende Literaturrecherche führt zu neuem Input, womit sich der Stiefelschaft in Wadenhöhe weitet. Der Fragebaustein eröffnet neue funktionale Möglichkeiten, verdeutlicht durch den umgeschlagenen Schaft. Die entwickelte Forschungsfrage schließt den Stiefel oben ab, wobei das Offene sinnbildlich für die Erschließung neuer Räume steht: Denn noch wird der Stiefel nicht von einem Fuß, d.h. von konkreten Inhalten als Resultat der beantworteten Forschungsfrage, ausgefüllt. Da sich der Logik-Check auf die komplette Fragestellung bezieht, also aus allem, was aus den fünf Antworten und dem Basiswissen erschaffen wurde, steht der Reißverschluss sinnbildlich dafür.
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[1] Schmitt, Robert (2015): Basiswissen Qualitätsmanagement. Düsseldorf: symposion.










