KI könnte Texte ungefragt verändern
12.09.2025
Medien zielten seit jeher auf Interaktion ab: Waren und sind es in Zeitungen Leserbriefe, die zum Äußern der eigenen Sicht anregen, ist es im Fernsehen die Telefonabstimmung und im Internet die Kommentarspalte unter veröffentlichten Artikeln.
Konsumenten werden zu Produzenten (= Prosumer), jedoch werden – und dies halte ich für einen der größten Missverständnisse unserer Zeit – keine Medien konsumiert und produziert, sondern Inhalte. War er früher das Fernsehen als Medium, konnten Konsumenten das Programm, sprich die Inhalte, frei wählen. In sozialen Netzwerken hingegen herrschen gegenwärtig Algorithmen, die Inhalte selektieren. Nutzerverhalten wird aufgezeichnet, ausgewertet und Inhalte angezeigt, die den Nutzer zur Interaktion animieren.
Auf die damit verbundenen psychologischen Konsequenzen, wie die einseitige Ausprägung von Meinungen (= kognitive Dissonanz), das Aufhalten in Gruppen von Gleichgesinnten (= Filterblase) oder die Zunahme von Gewalttaten bei Demonstrationen durch Konfrontation mit der Wirklichkeit (= Radikalisierung), soll hier nicht im Detail eingegangen werden. Vielmehr soll die technische Komponente in den Blick gerückt werden: die Rolle der KI.
Inhaltsanpassung mittels KI
Eine KI ist fähig, Inhalte zu schaffen und Texte zu verändern. Algorithmen können ihren rein quantitativen Charakter um qualitative Fähigkeiten erweitern. Da bereits Nutzerdaten, wie Freundesliste, Gruppenzugehörigkeit und Interessen, in sozialen Netzwerken erfasst worden sind, wird es nur noch ein minimaler Schritt sein, dass Algorithmen Texte interessenbasiert anpassen. Exakt dies ist meine Prophezeiung.
Beispiel 1: Kranker Hund
Ein User postet in einem Haustier-Forum tatsächlich:
„Mein Hund (Pitbull-Terrier) frisst seit Tagen nix, er verkriecht sich hinter dem Sessel, is scheu geworden und iwie komisch. Ich glaub, ich bring den ma zum Tierarzt. Kostet der eigentlich Geld oder gibts da ne Versicherung?“
Steffi, einer Forumsexpertin, wird angezeigt:
„Mein Pitbull zeigt seit mehreren Tagen Inappetenz, Rückzugsverhalten und Scheu. Ich überlege, tierärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Können Sie mir bitte mitteilen, welche Behandlungskosten typischerweise entstehen und ob es Absicherungsmöglichkeiten gibt?“
Markus, im Verstehen recht schwerfällig, erhält das Posting in Leichter Sprache:
„Mein Hund frisst nichts. Seit Tagen. Er versteckt sich und ist ängstlich. Ich will zum Tierarzt gehen. Muss ich dort bezahlen? Gibt es eine Versicherung dafür?“
In diesem Beispiel wird klar, dass Inhalte nicht auf Zielgruppen allgemein zugeschnitten werden, sondern individuell auf die analysierten Gewohnheiten und Fähigkeiten der Benutzer. Befürworter könnten argumentieren, dass mehr Barrierefreiheit geschaffen würde, insbesondere für Menschen mit Leseschwierigkeiten oder kognitiven Einschränkungen. Auch könnten auf diese Weise Deutschlernende eingebunden werden, wodurch ein Beitrag zur Inklusion geleistet würde. Insbesondere für Nicht-Deutsch-Muttersprachler würden Inhalte verständlicher. Für den Fragesteller bestünde der Vorteil, dass er viele Antworten zur Sache erhält, weil alle Menschen auf dem gleichen Level verstehen und antworten.
Es liegt auf der Hand, dass Inhaltsdynamik auch Gefahren mit sich bringt, wie dieser reale Zeitungsartikel beweisen könnte.
Beispiel 2: Brandanschlag
Original Link / Screenshot:
Brandanschlag – Berliner Haushalte haben wieder Strom. Rund 60 Stunden nach dem Stromausfall sind alle betroffenen Verbraucher wieder am Netz. Ermittler gehen davon aus, dass linksextreme Täter für den Brandanschlag auf die Stromversorgung im Südosten der Hauptstadt verantwortlich sind.
Christina, eine Linksaktivistin kann lesen:
„Nach einem mutmaßlichen Sabotageakt gegen die Berliner Stromversorgung sind die Haushalte wieder am Netz. Die Behörden schieben den Vorfall sofort ‚Linksextremen‘ zu – eine schnelle Schuldzuweisung, die Kritiker als Ablenkung von strukturellen Problemen der Energieversorgung sehen.“
Dem rechtsradikalen Marc wird angezeigt:
„Linksextreme haben durch einen Brandanschlag die Berliner Stromversorgung lahmgelegt. Hunderttausende waren stundenlang ohne Strom. Wieder zeigt sich: Der Staat duldet linke Gewalt, während normale Bürger die Leidtragenden sind.“
Jeder öffnet den scheinbar gleichen Artikel, jeder erhält eine andere Wirklichkeit. Inhaltsdynamik ist also fähig, den Filterblasen-Effekt zu verstärken, da noch weniger gemeinsame Diskussionsbasis vorherrscht. Inhaltliche Nuancen, die Autoren bewusst in Texten einbinden, Pros und Contras, werden zulasten einer dem Nutzer gefallenen Version geopfert. Die für jeden individuelle Wahrheit ist also immer weniger Abbild der Realität. Geschickte Manipulation erzeugt Vereinfachung, Framing und Propagandainhalte.
Transparenzverlust
KI ist bereits heute in der Lage, Texte zielgerichtet umzuformulieren, also Inhalte zusammenzufassen oder zu vereinfachen. Kombiniert mit erhobenen Daten wie der Lesegeschwindigkeit (Scroll-Geschwindigkeit, Verweildauer), könnten Algorithmen Inhalte nicht nur passgenauer wählen, sondern auch nutzerorientiert verändern. Der Verlust von Transparenz könnte durch einen Button an jedem Posting „Originalbeitrag anzeigen“ nur minimal ausgeglichen werden; insbesondere dann, wenn generierte Inhalte standardmäßig angezeigt werden und der Button erst betätigt werden muss.
Auch das Argument der Inklusion greift hier zu kurz, weil Inklusion als pädagogisches Konzept Medienkompetenz beinhaltet, und nicht das schablonenhafte Zuschneiden von Inhalten. Diese Art „didaktischer Reduktion“ wäre jedoch keine im originären pädagogischen Sinne. Denn diese hat stets eingebettet in ein Lern-/Lehrarrangement zu erfolgen und setzt Bildungsziele voraus, darunter Selbstbestimmung und Sozialisation. All dies würde bei einer inhaltsdynamischen Generierung von Beiträgen fehlen.
Auch das Argument, Nutzerbedürfnissen nachzukommen, würde zu kurz greifen. Die Förderung von Filterblasen ist insbesondere im soziologischen Kontext bedenklich, da immer mehr gesellschaftliche Gruppen sich als revanchierend wahrnehmen werden, wodurch Verteilungskämpfe weiter entfacht werden. Die individuelle Realität bleibt also keine solche, sondern wird Bestandteil der Realwelt.
Die Frage der Transparenz sollte daher vielmehr der Frage nach einem generellen Verbot von Inhaltsdynamik weichen. Inhaltsproduzenten, insbesondere solche, die beruflich schreiben, investieren viel Zeit und Mühe, so zu formulieren, dass Gesagtes und Gemeintes konform gehen.
Verstärkung von Bildungsungleichheit
Durch die inhaltsdynamische Gestaltung von Beiträgen würde Bildungsungleichheit nicht bekämpft, sondern bedient. Deshalb liegt es in der Hand eines jeden einzelnen, Medien und Inhalte verantwortungsvoller zu nutzen.
Die Politik sollte – und das zeigt dieses Zukunftsszenario eindrucksvoll – mehr in die Digitalisierung von Schulen und die Ausbildung von Fachkräften investieren. Dabei sollte die Vermittlung von Medienkompetenz, in kleineren Klassen und Lerngruppen, gefördert werden. So könnte dem immer schnelleren technischen Wandel auf pädagogischer Ebene konstruktiv begegnet werden.
Es sollte in unser aller Interesse liegen, dass Manipulation verhindert wird. Denn es ist nicht die KI-Filterung, die wir benötigen, sondern mehr Medienkompetenz. Nur wenn wir lernen, Originale von Manipulation zu unterscheiden, bleibt eine gemeinsame Realität möglich. Dazu müssen wir aus unserer bequemen Bubble heraus und den Diskurs suchen – dass dies nicht gelingt, beweist der Blick in die Vergangenheit. Neben dem Klimawandel, dem allgemeinen Schutz der Erde und der Schaffung von Frieden, wird dies eine zusätzliche Aufgabe des Homo sapiens im verbleibenden 21. Jahrhundert sein.
Was heißt das für Studierende?
Du als Studierender solltest die Herkunft von Texten und Inhalten kritisch prüfen. Die Grenzen zwischen Original und Bearbeitung verwischen immer stärker, zugleich weichen „klassische“ Bücher einem Onlineangebot. Dieses beschränkt sich nicht nur auf Homepages und Skripte zum Download, sondern mittlerweile auch auf Bücher, die heruntergeladen werden können. Es ist mir als langjähriger wissenschaftlicher Berater nicht bekannt, dass Fachbücher als PDF verändert worden sind. In Zukunft wird jedoch auch dies nicht auszuschließen sein.
Beim wissenschaftlichen Schreiben solltest du in deiner Ausdrucksweise neutral bleiben, dies galt seit jeher. Allerdings verschärft sich dieser Appell in einer Welt, in der subjektive Beiträge zunehmen und nun auch durch KI verändert werden können. Damit reichen die KI-Gefahren weit über den oben beschriebenen Rahmen der sozialen Netzwerke hinaus.
Solltest du Fragen bei deiner Haus-, Bachelor- oder Masterarbeit haben, dann kontaktiere mich. Gemeinsam sorgen wir dafür, dass deine Studienarbeit verständlich, präzise und authentisch bleibt.


