Die Qualitative Inhaltsanalyse: Analysebeispiel
Dieses Beispiel ist echt, das Gespräch wurde real geführt. Du kannst dir anhand meiner Frage und der Antwort des Bundeskanzlers einen Überblick darüber verschaffen, wie Kategorien gebildet werden. Zur Erinnerung: Mayring unterscheidet wie folgt [1] [2]:
- Deduktive Kategorienanwendung: Kategorie wird aus der Theorie heraus gebildet.
- Induktive Kategorienbildung: Kategorie wird aus dem Material heraus gebildet.
Kodierregeln des Beispiels
Da kein schriftlich ausgearbeiteter Theorieteil vorliegt, kann keine echte Explikation des Materials geleistet werden [1] [2]. Das Material wurde transkribiert und anhand der Eingangsinformationen durch die Fragestellung plausibel paraphrasiert. Auf die Erstellung eines Kodierleitfadens mit Ankerbeispielen wird verzichtet. Bei undeutlichen Phrasen wurde das offensichtlich Gemeinte formuliert (Beispiel: „wir gehen da hin“ = „wir sind online, präsentieren uns“). Füllpartikel und Sprechpausen wurden nicht notiert.
Je nach Ausführlichkeit der Antwort bzw. Antworttiefe, sollen Subkategorien gebildet werden. Zudem sollen aus dem Material heraus Haupt- sowie Subkategorien thematisch identifiziert werden.
- Deduktive Kategorienanwendung: Im folgenden Beispiel werden Kategorien, die aus der Fragestellung hervorgehen, sowie das dazugehörige Datenmaterial, in roten Farbabstufungen dargestellt.
- Induktive Kategorienbildung: Inhalte der Antwort von Olaf Scholz, die nicht unmittelbar auf die Frage bezogen sind und nicht deduktiv zugeordnet werden können, sind in grünen Farbabstufungen zu sehen.
- Antworten werden nur einmal zugeordnet.
- Material, das nicht zugeordnet werden kann, wird nicht kategorisiert. Ziel ist es dennoch, möglichst viele Themenbereiche ausfindig zu machen.
Dieses Beispiel soll die Bildung von Kategorien verdeutlichen. In deiner eigenen Forschung solltest du Kategorien nur dann bilden, wenn die Inhalte zum Thema und deiner Zielsetzung passen, deine Fragestellung beantworten oder Hypothesen bestätigen bzw. verwerfen. Weiterführende Überlegungen, wie jene zur Einhaltung von Gütekriterien, entfallen in hiesigem Beispiel.
Transkript
- Fragesteller: Lorenz Schlösser (parteilos)
- Interviewpartner: Olaf Scholz, Bundeskanzler (SPD)
- Datum: 01.05.2023
- Ort: Sayner Hütte in Bendorf
- Anlass: KanzlerGESPRÄCH (Gastgeber: Bundesregierung)
Hinweis: Satzbau und Grammatik korrigiert, Füllpartikel weggelassen, Text paraphrasiert, Phrasen teilweise ersetzt.
Frage
Herr Bundeskanzler, ich heiße Lorenz Schlösser, aus Lahnstein. Meine Frage bezieht sich auf die Glaubwürdigkeit von Politik und vor allen Dingen auf undemokratische Tendenzen, die wir ja vor allen Dingen im Internet sehen. www, das heißt fast schon Wagenknecht-Weidel-Web. Das heißt, die linken und rechten Seiten verstehen es ganz gut, dieses Medium zu nutzen, um ihre populistischen Inhalte dort breitzutreten. Meine Frage: Warum werden Sie nicht auch zu einer Art sinnvollem Influencer, der letzten Endes mit sinnvollen Inhalten dem Populismus vorbeugt? Das könnte junge Menschen stärker politikbegeistert machen.
Antwort
Es gibt mich überall in den sozialen Medien. Ich bin das nicht immer persönlich, das sollte man nicht denken. Dafür habe ich nicht das Arbeitszeitbudget. Aber ich präsentiere mich online. Trotzdem glaube ich, gehört zu jeder Demokratie ein ganz, ganz großes Grundvertrauen untereinander, aber auch zum Beispiel politischer Verantwortungsträger in die Bürgerinnen und Bürger. Ich jedenfalls habe das. Als im letzten Jahr aufgeregt diskutiert wurde, was wir zur Ukraine-Unterstützung machen und was der richtige Weg ist, war ich mir immer sicher, dass – egal, was aufgeregt öffentlich diskutiert wurde – eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger einen vorsichtigen, abgewogenen Kurs genau richtig gefunden hat. Darauf habe ich mich einfach verlassen. Das hätte ich nicht im Internet wiederfinden können, das hätte ich auch nirgendwo sonst sehen können, das muss man einfach mal glauben.
Ich jedenfalls glaube, dass man Politik erklären kann, dass man für das einstehen kann, und ich glaube an die Urteilsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger und bin deshalb nicht so besorgt, obwohl es viele Dinge gerade im Internet gibt, wo man sich fragen muss, was das soll. Aber das ist mit jedem Fortschritt so, dass sich ein paar Nachteile finden: Jetzt können wir alle selber kommunizieren, aber manche, die früher rumgelaufen sind, sich in ihrer Nachbarschaft, bei ihren Kollegen im Betrieb, im Sportverein umgeguckt haben, und gesehen haben ‚So ein Quatsch wie ich denke, denkt keiner.‘, gehen jetzt online und da sind unter 84 Millionen Deutschen schon Leute, die das gleiche denken. Das ist dann irgendwie leichter als früher. Aber darüber müssen wir uns jetzt keine Sorgen machen, weil die meisten von uns sich von Quatsch echt nicht beeindrucken lassen. Davon bin ich fest überzeugt. Trotzdem: Auch wir gehen ins Internet, präsentieren uns. Aber natürlich nicht so heiß, denn wenn man keine steilen Thesen hat, ist es nicht so spannend.
Kategoriensystem
| Hauptkategorie | Subkategorie | Ausprägung |
| Glaubwürdigkeit von Politik | durch Internetauftritt |
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| durch Grundvertrauen |
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| Undemokratische Tendenzen online | Bürger*innen als handelnde Subjekte |
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| Populismus vorbeugen |
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| Politikbegeisterung junger Menschen fördern | ||
| Präsenz des Bundeskanzlers in den sozialen Medien | eigene Präsenz |
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| Administration des Internetauftritts |
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| Persönliche Glaubwürdigkeit | durch Handeln |
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| durch Überzeugung |
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| durch Bedienung von Mehrheiten |
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| durch Transparenz |
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| Allgemeines zur Kommunikation im Internet | Ausdruck der Unverständlichkeit |
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| Kommunikation allgemein |
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| Entwicklung allgemein |
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Kurzinterpretation
Je nach Untersuchungsgegenstand und ‑ziel hätte die große, induktiv gebildete Hauptkategorie „Persönliche Glaubwürdigkeit“ mitsamt ihren Subkategorien auch unter „Glaubwürdigkeit von Politik“ eingeordnet werden können. Allerdings finden sich dort Ausführungen, die das Verhältnis Bürger/Staat widerspiegeln und damit übergeordnete Glaubwürdigkeitsaspekte verkörpern. Andererseits wurde der Kanzler zu seinem persönlichen Internetauftritt befragt, doch seine Antwort bleibt unkonkret. Dieser Interpretationsspielraum sollte in einer Bachelor- oder Masterarbeit reflektiert werden. Ein starkes Argument für die hier vorgenommene induktive Kategorienordnung ist, dass der Kanzler das Wort „Influencer“ kein einziges Mal verwendet hat. Er antwortet also nicht darauf, ob er Influencer werden möchte oder nicht, sondern verweist auf Politik im Allgemeinen und auf seine Glaubwürdigkeit im Allgemeinen. Dies visualisiert das Kategoriensystem.
Frage kaum beantwortet
Insgesamt wird deutlich, dass die gestellte Frage, die konkret darauf abzielt, weshalb der Bundeskanzler kein „sinnvoller Influencer“ wird, nur marginal beantwortet worden ist. Denn zur Kategorie „Undemokratische Tendenzen online“ finden sich ebenfalls weit gehaltene Aussagen, die die Menschen überwiegend pauschal als gut reflektiert und mündig charakterisieren und nicht unmittelbar auf Internetphänomene abzielen. Dass es auch Leute gibt, die „Quatsch denken“, wird an einem Einzelfallbeispiel festgemacht. Innerhalb dieses Beispiels wird die politische Ebene verlassen und die Sphäre „Nachbarschaft“, „Kollegen“ und „Sportverein“ herangezogen.
Auf Wesentliches nicht eingegangen
Zur Populismusvorbeugung wird keine einzige Gegenmaßnahme benannt. Umgangen wird eine konkrete Antwort durch Allgemeinaussagen. Das eigentliche Gesprächsthema substituiert Scholz damit durch konkrete Beispiele (Ukraine-Hilfen) zur Stärkung persönlicher Glaubwürdigkeit.
Die Phrasen „heiß“ und „steile Thesen“ lassen sich ohne Unterstellung nicht begründet paraphrasieren, geschweige denn neutral interpretieren. So bleibt offen, was nach Ansicht des Bundeskanzlers ein „heißer“ Internetauftritt ist, zudem bezieht er diesen nicht auf sich; er spricht in der Wir-Form. Ebenfalls bleibt unklar, was konkret er mit „steile Thesen“ meint. Hinsichtlich des Gesamtsinns umschreibt Scholz damit Populismustaktiken. In dieser Lesart hätte er den Medium-Inhalts-Aspekt der Fragestellung aufgegriffen, doch zugleich seine Ohnmacht in der Populismusvorbeugung ausgedrückt.
Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass der Kanzler auch nicht auf den Aspekt der Förderung von politischem Interesse junger Menschen eingegangen ist. Auf eine Interpretation diesbezüglich wird hier jedoch verzichtet.
Ergänzendes zur inhaltlichen Einordnung
Meine Frage stellte ich am 01.05.2023. Laut insa-Sonntagsfrage hatte die SPD zu dieser Zeit eine Zustimmung von 16,5%, die AfD 18,5% [3]. Das BSW (Bündnis Sarah Wagenknecht) war noch nicht gegründet [4].
Im April 2024 startete der Bundeskanzler seinen Kanal auf TikTok. [5]
Der Bundeskanzler stellte am 16.12.2024 die Vertrauensfrage und scheiterte [6].
Am 16.12.2024 lag die SPD laut insa bei 16,5%, die AfD bei 19,5% und das BSW bei 8,0% [3].
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[1] Mayring, Philipp (2023): Einführung in die qualitative Sozialforschung. Weinheim/Basel: Beltz Pädagogik.
[2] Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse – Grundlagen und Techniken (12. Aufl.). Weinheim/Basel: Beltz.
[3] https://www.wahlrecht.de/umfragen/insa.htm [30.12.2024]
[4] https://www.bpb.de/kurz-knapp/taegliche-dosis-politik/544398/parteigruendung-buendnis-sahra-wagenknecht/ [30.12.2024]
[5] https://www1.wdr.de/nachrichten/scholz-tiktok-100.html [30.12.2024]
[6] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/was-ist-die-vertrauenfrage-2319328 [30.12.2024]
Titelfoto: dem Video entnommen


