Sprache als Festakt
Sämtliche großen französischen Tageszeitungen (Le Monde [1], Le Figaro [2], Le Parisien [3], L’Équipe [4]) loben die „Cérémonie“, die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024, die gestern Abend (26.07.2024) auch hierzulande mehr als zehn Millionen Menschen vor die TV-Bildschirme [5] lockte. In der Tat war dieses Ereignis eines der Superlative. „Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt!“ hätte Herbert Zimmermann womöglich auch hier kommentiert.
Ein Wort – mehrere Bedeutungen
Leider wird in der deutschen Sprache das Wort „Feier“ für alle denkbaren Anlässe gebraucht. Es ist schade, dass wir entweder zur Feier aufwerten (besaufen = feiern) oder den Gehalt abwerten („Gedenkfeier an die Opfer des Nationalsozialismus“). Während im Französischen die konkreten Anlässe mit eigenständigen Substantiven benannt werden, wie „fête d’anniversaire“ (Geburtstagsfeier), „commémoration“ (Gedenkfeier) oder „cérémonie d’ouverture“ (Eröffnungsfeier), lässt sich dies im Deutschen zwar ebenso konkretisieren, doch die Intensität des Feierns kommt nicht durch ein eigenständiges Wort zum Ausdruck. Für alles muss der Begriff „Feier“ herhalten.
Dabei bietet die deutsche Sprache mannigfaltige Möglichkeiten, insbesondere in hiesigem Kontext: Fete, Fest, Festakt, Zeremonie sind nur einige Beispiele, um die Bedeutung zu akzentuieren. Denn wie jene Beispiele beweisen, handelt es sich nicht um einen luft- bzw. lemmaleeren linguistischen Raum. Vielmehr verschwanden zahlreiche Begrifflichkeiten aus dem aktiven Sprachgebrauch. Individualität wurde peu à peu durch Universalität ersetzt.
Nutze in deiner Haus-, Bachelor- oder Masterarbeit in jedem Fall eine ausdrucksstarke Sprache. Beschreibe Sachverhalte treffend. Wissenschaftliche Korrektheit lebt nicht nur von einem sinnvollen Aufbau der Arbeit oder einer methodisch korrekten Vorgehensweise, sondern auch von präganten Formulierungen.
Ausdrucksweise anpassen
Die Folgen einer falschen Ausdrucksweise sind, je nach Kontext, fatal: Gemeintes passt nicht mehr zum Gesagten, selbst korrekt Verschriftlichtes wird falsch verstanden. Wirkliche Superlative können kaum noch transportiert werden, insbesondere wenn der Empfänger einer Botschaft die Kernabsicht des Senders nicht zu interpretieren vermag.
Deshalb scheint insbesondere die Kommunikation im Internet von Missverständnissen durchzogen. Es entsteht der Eindruck, dass teilweise das Falsche geschrieben werden müsse, um richtig verstanden zu werden. Damit kämen prägnantere Formulierungen zwar in einem Aspekt allen Internetnutzern entgegen: Texte sind kürzer. Konterkariert wird diese Hoffnung jedoch von der Illusion, jeder Sprachbenutzer könne Nachrichten einigermaßen korrekt senden und entschlüsseln.
Vor diesem Hintergrund plädiere ich dafür, dass wir Sprache buchstäblich „beim Wort nehmen“ und uns zumindest um eine präzisere Ausdrucksweise bemühen. Ludwig Wittgenstein mahnte einst: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt!“
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[1] https://www.lemonde.fr/politique/article/2024/07/27/la-ceremonie-d-ouverture-des-jo-de-paris-enthousiasme-la-gauche-mais-indigne-une-partie-de-la-droite-et-de-l-extreme-droite_6259390_823448.html [15.10.2025]
[2] https://www.lefigaro.fr/sports/jeux-olympiques/ceremonie-d-ouverture-des-jo-de-paris-2024-des-couleurs-et-des-sourires-entre-les-gouttes-20240727 [15.10.2025]
[3] https://www.leparisien.fr/jo-paris-2024/ceremonie-douverture-des-jo-paris-2024-jai-kiffe-lance-tony-estanguet-27-07-2024-3P6E7YNC6VHULH3APN46VWRIPQ.php [15.10.2025]
[4] https://www.lequipe.fr/Jo-2024-paris/Tous-sports/Actualites/-la-meilleure-ceremonie-de-l-histoire-la-presse-etrangere-epatee-par-l-ouverture-des-jo-2024/1485637 [15.10.2025]
[5] https://www.dwdl.de/zahlenzentrale/98961/traumquote_ueber_10_millionen_sahen_olympiaeroeffnungsfeier/ [15.10.2025]


