Hurra, die Schule brennt!
Ja, in den Schulen brennt es – vor allem aufgrund des Lehrermangels.
In Nordrhein-Westfalen können Schulen künftig über die App „LifeTeachUs“ externe Personen aus Unternehmen, Handwerk, Verwaltung, Vereinen und anderen Lebensbereichen in den Unterricht holen. SWR3 berichtete heute [20.08.2026] darüber. Diese sogenannten „LifeTeacher“, die als Externe überprüft und geschult werden, sollen beispielsweise über Berufe, Versicherungen, Mietverträge, Steuern, Gesundheit oder Demokratie sprechen. Die Externen benötigen kein Lehramtsstudium. Die Unterrichtsverantwortung verbleibt offiziell bei einer Lehrkraft. Es geht also formal nicht darum, dass irgendein Interessierter vollkommen allein Mathematik- oder Deutschunterricht erteilen darf [1] [2].
Klingt erst einmal gut – nämlich nach mehr Lebensweltbezug und mehr Bereicherung.
Unterrichtsausfall in NRW: Was die offizielle Statistik wirklich zeigt
Ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt aber mehr: In NRW wurden im ersten Halbjahr 2025/26 offiziell 94,1% des vorgesehenen Unterrichts „erteilt“. Unterricht gemäß Stundenplan machte allerdings nur 77,8% aus. Zum „erteilten Unterricht“ zählen auch verschiedene Vertretungsmaßnahmen, Distanzunterricht und Unterricht in besonderer Form. Wenn also Mathe ausfällt, stattdessen ein Handwerker über seinen Beruf spricht und die anwesende Lehrkraft formal verantwortlich bleibt, gilt die Stunde nicht als ersatzlos ausgefallen. Sie wird als Ersatz- oder Vertretungsunterricht erfasst. [3]
Die Schüler hatten dann eine interessante Begegnung. Mathematikunterricht hatten sie aber nicht. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Waren die Schüler 45 Minuten in der Schule beschäftigt?“ Sondern: „Hat der vorgesehene Fachunterricht stattgefunden?“ Eine „LifeLesson“ kann den ersatzlosen Ausfall rechnerisch also vermindern, ohne den ausgefallenen Fachunterricht zu ersetzen. Sie beseitigt dann nicht den Unterrichtsausfall, sondern verändert vor allem dessen statistische Bezeichnung.
Mangel wird zur Innovation erklärt – die pädagogische Umdeutung
Sparmaßnahmen als neues pädagogisches Konzept anzupreisen stößt mir besonders auf. Es fehlt nämlich schlichtweg das Geld, mehr Lehrkräfte einzustellen. LifeTeachUs wirbt ausdrücklich damit, Ausfallstunden zu füllen [2]. Das Schulministerium NRW spricht dagegen von „Öffnung von Schule“, „Praxis- und Lebenswissen“, „Persönlichkeitsbildung“ sowie von einer stärkeren Verbindung formaler, non-formaler und informeller Bildungsangebote [1]. Eine statistisch ehrliche Bezeichnung wäre also:
„Ausgefallener Fachunterricht, ersetzt durch ein extern gestaltetes Ergänzungsangebot.“
Lehrkräftemangel sucht man in der Begründung aber vergebens. Mangel wird also schöngeredet zur vermeintlichen pädagogischen Innovation: Unterrichtsausfall durch Lehrkräftemangel erscheint nicht mehr als ersatzloser Unterrichtsausfall und der Behelf wird als Lebensweltorientierung und Öffnung von Schule bezeichnet.
Ein historischer Vergleich: Die Abwertung pädagogischer Professionalität
Mehr Lebenspraxis in der Schule halte ich grundsätzlich für sinnvoll. Fachleute aus Handwerk, Wirtschaft, Medizin oder Verwaltung können den Unterricht sehr bereichern. Solche Gäste gab es auch früher schon. Der entscheidende Unterschied ist aber: Früher ergänzte der Gast den regulären Unterricht. Nun kann der Gast dazu dienen, den Ausfall regulären Unterrichts umzudeuten.
Das eigentliche Problem könnte sich als Langzeitfolge offenbaren: Pädagogische Professionalität könnte an Bedeutung verlieren, wenn immer häufiger der Eindruck vermittelt wird, persönliche Lebens- und Berufserfahrung könne eine pädagogische Ausbildung ersetzen.
Das erinnert mich an die Geschichte des Erzieherberufs. In Kindergärten arbeiteten lange Zeit zahlreiche unausgebildete Frauen. Dahinter stand die Vorstellung, Mütterlichkeit, Lebenserfahrung und ein „guter Umgang mit Kindern“ reichten für diese Tätigkeit aus [4]. Noch 1967 hatten einer Untersuchung zufolge 21 Prozent des Kindergartenpersonals keine entsprechende Ausbildung [5].
Die Folgen wirken bis heute: Viele Menschen nehmen kaum wahr, was professionelle pädagogische Arbeit eigentlich umfasst. Sie sehen pädagogische Fachkräfte bloß als Personen, die mit Kindern spielen, basteln und auf sie aufpassen. Diagnostik, Bildungsplanung, Gruppenführung, Elternarbeit, Inklusion, Dokumentation und Kinderschutz bleiben unsichtbar.
Droht der Schule das gleiche Schicksal?
Eine ähnliche Entwicklung kann langfristig auch der Schule drohen. Zwar halte ich die „Öffnung von Unterricht“ grundsätzlich für eine zukunftsweisende Leitidee: Fächerverbindender Unterricht [6], Projektunterricht [7] und die Öffnung von Schule gegenüber außerschulischen Lernorten [8] und Fachleuten [9] können wertvolle Lernprozesse ermöglichen. Ihr pädagogischer Wert entsteht jedoch durch die planvolle didaktische Einbettung durch ausgebildete Lehrkräfte.
Wenn aber jeder zum „LifeTeacher“ werden kann, weil ja irgendwie jeder irgendein wertvolles Wissen besitzt, kann langfristig daraus die Vorstellung erwachsen, Unterrichten sei keine eigenständige Profession. Es steht außer Frage, dass jeder Mensch einem anderen etwas beibringen kann. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass jeder Unterricht erteilen kann – genauso wenig, wie aus eigener Elternschaft folgt, dass jeder eine Kindergartengruppe professionell führen kann.
Sozial- und Geisteswissenschaften sind meine Stärke
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Literaturverzeichnis
Literaturverzeichnis anzeigen
- Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen (2026): Nordrhein-Westfalen macht seine Schüler und Schülerinnen „Fit for Life“: Schulen, Unternehmen und Vereine können sich jetzt landesweit vernetzen. https://www.schulministerium.nrw/presse/pressemitteilungen/nordrhein-westfalen-macht-seine-schueler-und-schuelerinnen-fit-life [20.08.2026]
- LifeTeachUs (o. J.): Hole Dir Lebenswissen für deine Vertretungsstunden. Informationen zur Vermittlung, Überprüfung und Qualifizierung der LifeTeacher. https://www.lifeteachus.org/lehrkrafte [20.08.2026]
- Landesregierung Nordrhein-Westfalen (2026): Ergebnisse der Unterrichtsstatistik für das erste Halbjahr 2025/26: Ersatzloser Unterrichtsausfall erneut leicht gesunken. https://www.land.nrw/pressemitteilung/ergebnisse-der-unterrichtsstatistik-fuer-das-erste-halbjahr-202526-ersatzloser [20.08.2026]
- Berger, Manfred (2015): Von der „geistigen Mütterlichkeit“ zur „Professionalität“. Eine historische Analyse des heutigen Erzieher/-innenberufs in der öffentlichen Kleinkindererziehung. https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/geschichte-der-kinderbetreuung/weitere-historische-beitraege/eine-historische-analyse-des-heutigen-erzieher-innenberufs/ [20.08.2026]
- Chaberny, A. & Heinz, H. (1971): Erzieher (Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen), Kinderpflegerinnen. Berufsentwicklung nach den Volks- und Berufszählungen 1950 und 1961 und weiteren statistischen Unterlagen. Materialien aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2(16), S. 1–6. https://iab.de/en/publications/publication/?id=552219 [20.08.2026]
- Peterßen, Wilhelm H. (2000): Fächerverbindender Unterricht. Begriff – Konzept – Planung – Beispiele. Ein Lehrbuch. München: Oldenbourg. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/5O2QTAZSGIP3ULAGVOZV74Y3CMNZ5DUD [20.08.2026]
- Frey, Karl (2012): Die Projektmethode. Der Weg zum bildenden Tun (12., neu ausgestattete Aufl.). Weinheim/Basel: Beltz. https://beltz.de/fachmedien/paedagogik/die-projektmethode/BEL25688 [20.08.2026]
- Erhorn, Jan & Schwier, Jürgen (2016): Außerschulische Lernorte. Eine Einleitung. In: Erhorn, Jan & Schwier, Jürgen (Hrsg.): Pädagogik außerschulischer Lernorte. Eine interdisziplinäre Annäherung. Bielefeld: transcript, S. 7–14. https://doi.org/10.1515/9783839431320-001 [20.08.2026]
- Laursen, Sandra; Liston, Carrie; Thiry, Heather & Graf, Julie (2007): What Good Is a Scientist in the Classroom? Participant Outcomes and Program Design Features for a Short-Duration Science Outreach Intervention in K–12 Classrooms. CBE—Life Sciences Education, 6(1), S. 49–64. https://doi.org/10.1187/cbe.06-05-0165 [20.08.2026]


