Häufung von Todesfällen zu Weihnachten
Chris Rea sang „I’m driving Home for Christmas“ und starb 2025 zwei Tage vor Heiligabend [1]. 2016 starb George Michael, der Sänger von „Last Christmas“ am ersten Weihnachtstag [2]. Dean Martin, mit seinem Weihnachtslied „Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow!“ starb 1995, ebenfalls am ersten Weihnachtstag [3].
Der Club 27
Irgendwie erinnert mich das an den Club 27. Es handelt sich dabei nicht um einen Club im eigentlichen Sinne, sondern um Musiker, die im Alter von 27 Jahren starben. Wissenschaftlich-makaber ließe sich formulieren: „Cobain et al.“ Und das trifft es wirklich gut. Denn während in einer wissenschaftlichen Arbeit jener Autor als erster genannt wird, der am meisten beigetragen hat, so ist es hier erst der Tod Cobains 1994, der das Phänomen in die breite Öffentlichkeit rückte.
Jimi Hendrix (* 27.11.1942; † 18.09.1970), Janis Joplin (* 19.01.1943; † 04.10.1970) und Jim Morrison (* 08.12.1943; † 03.07.1971), allesamt US-Amerikaner, die in den frühen 70ern starben, wurden zwar auch nur 27 Jahre alt, doch dies wurde – wenn überhaupt – als Zufall wahrgenommen. Selbst bei Hinzuziehung des Briten Brian Jones (* 28.02.1942; † 03.07.1969), wurde dem Todesalter von 27 Jahren keine besondere Bedeutung beigemessen. Erst als knapp ein viertel Jahrhundert später Curt Cobain (* 20.02.1967; † 05.04.1994) im Alter von 27 Jahren starb, rückte der Club 27 in den Fokus der breiten Öffentlichkeit, verschwand allerdings wieder aus dem Bewusstsein. Als Amy Winehouse (* 14.09.1983; † 23.07.2011) mehr als 15 Jahre später ebenfalls mit 27 starb, befeuerte dies wiederum den Glauben an eine mysteriöse Häufung von Todesfällen in diesem Alter.
Die Studienlage
Der Club 27 war schon mehrfach wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand. Die Befunde belegen zum einen, dass es sich um selektive Wahrnehmung sowie um kognitive Verzerrung handelt. Eine Studie, bei der eine Kohorte von 1.046 Musikern mit Nummer-1-Hits aus Großbritannien untersucht wurde, belegt ähnliche Sterberaten im Alter von 25 und 32 Jahren [4]. Zum anderen postulieren Studienergebnisse, dass das Todesrisiko in diesem Alter nicht signifikant höher ist, aber das Narrativ die Wahrnehmung bestimme [5]. Der Soziologe Zachary Dunivin zieht sogar Parallelen zum Aberglauben [6].
Der echte Zufall
„Wann ist Zufall Zufall?“ solltest du dich bei der Interpretation deiner Befunde im Rahmen deiner Bachelorarbeit oder Masterarbeit – aber ebenso bei der Bewertung von Zahlen im Alltag – kritisch fragen. Oder fachlich ausgedrückt: „Was ist statistisch signifikant?“ [7] Denn es gibt massenweise Ereignisse, die wir als Zufälle halten, aber de facto keine sind.
Drei Beispiele:
„Was für ein Zufall! Nach Abzug aller Kosten hat unser Unternehmen einen Gewinn von centgenau 100.000,00 € erwirtschaftet“ wunderte sich der Unternehmer. Bei 90.000,00 € hätte er dies womöglich ebenfalls als Zufall dargestellt.
Das Beispiel belegt, dass es Zahlen gibt, die in der Wahrnehmung höherrangig sind.
„Drei graue Autos hintereinander!“ sagte die Mutter zu ihrem Sohn und fügte hinzu: „Was für ein Zufall!“
Die Aussage verkennt, dass Grau/Silber zu den beliebtesten Autofarben zählt. [8]
„Der blöde Schiri!“ schimpfte der Fußballfan und der Sündenbock für die schlechte Leistung seiner Mannschaft war gefunden.
Hier wird deutlich: Hat man sich einmal auf einen Schuldigen festgelegt, werden nur noch jene Informationen wahrgenommen, die diese Annahme stützen. Insbesondere am Fußball-Beispiel wird der Bestätigungsfehler (Confirmation-Bias) [7] ersichtlich.
Die Sachanalyse
Um derartige Kardinalfehler zu vermeiden ist es wichtig, dass du im Theorieteil deiner wissenschaftlichen Arbeit deinen Untersuchungsgegenstand genau definierst.
Im Weihnachtsbeispiel bedeutet dies, dass du zuerst einmal klärst, was „Weihnachten“ überhaupt ist, denn dieser Begriff kann – wenn man so will – auch die Weihnachtszeit umfassen.
Der 24. Dezember fällt als Heiligabend unter den Weihnachtsbegriff, nach enger Auslegung ist erst am 25. Weihnachten. Wer interpretieren will, dass ein Sänger eines Weihnachtsliedes an Weihnachten stirbt, kann also – quasi behelfsweise – die komplette Weihnachtszeit dazu zählen. Wahlweise ist dies die ‚Adventskalenderzeit‘ (1. bis 24. Dezember); wahlweise die Zeit bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag (1. bis 26. Dezember); wahlweise auch vom ersten Advent an – und der kann schon am 27. November sein. Eine Ausdehnung ist übrigens bis Epiphanias am 6. Januar möglich. Früher markierte erst der 40. Tag nach der Geburt Jesu, also der 2. Februar, das Ende der Weihnachtzeit. [9]
Menschliche Wahrnehmung beschränkt sich auf das, was ist. Nicht auf das, was nicht ist. Die Studie von Dunivin und Kaminski (2024) zeigt dies eindrucksvoll. [5] Es wird also deutlich, warum ausgerechnet Weihnachten zur Mythenbildung beiträgt: weil dieses Fest emotional aufgeladen ist und kollektiv erinnert wird.
Realität als Kontext
Nicht nur Studierende, sondern alle realitätsliebenden Menschen sollten aus dem Dickicht ihres Weihnachtsbaums hinausblicken, z. B. mit „White Christmas“ von Bing Crosby († 14.10.1977) oder „Wonderful Dream“ von Melanie Thornton († 24.11.2001). Denn auffällige Muster sind nicht automatisch bedeutungsstark und Wahrnehmung ersetzt keine Statistik.
Umfassende Gedanken sind damit der Schlüssel zu statistischem Anstand – vergleichbar mit einem Perspektivwechsel, der oftmals der Schlüssel zu mehr Empathie darstellt.
Wer nun noch den Austausch mit seinen Lieben – seien es Familienmitglieder oder Kommilitonen – zu schätzen weiß, sich zu neuen Denkwegen inspirieren lässt und diese Freude weitergibt, der feiert ein ganzjährig frohes Fest.
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[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/driving-home-for-christmas-saenger-chris-rea-ist-tot-accg-200381868.html [23.12.2025]
[2] https://www.kleinezeitung.at/leute/18816464/diese-promis-sind-an-weihnachten-verstorben [23.12.2025]
[3] https://thecircle.de/blogs/popkultur/let-it-snow-weihnachtsklassiker-dean-martin [22.12.2025]
[4] Wolkewitz, Martin, Allignol, Arthur, Graves, Nicholas & Barnett, Adrian G. (2011): Is 27 really a dangerous age for famous musicians? British Medical Journal, 343, d7799. PMID: 22110921. https://doi.org/10.1136/bmj.d7799
[5] Dunivin, Zachary O. & Kaminski, Patrick (2024): Path dependence, stigmergy, and memetic reification in the formation of the 27 Club myth. Sociological Science. PubMed Abstract. PMID: 39495913; https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2413373121
[6] Nuver, Rachel (o. J.): The Myth that Musicians Die at 27 Shows How Superstitions Are Made. Scientific American; abrufbar unter: https://www.scientificamerican.com/article/the-myth-that-musicians-die-at-27-shows-how-superstitions-are-made/ [23.12.2025]
[7] Döring, Nicola (2023): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften (6. Aufl.). Berlin: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-662-64762-2
[8] https://de.statista.com/infografik/12532/autofarbe-weiss-immer-beliebter/ [23.12.2025]
[9] Göttert, Karl-Heinz (2021): Weihnachten. Biographie eines Festes. (2., durchges. Aufl.). Ditzingen: Reclam. ISBN 978-3-15-011369-1.



